Vereinsheft, Vereinsheim, Vereinsleben: Wo Deutschland wirklich zuhause ist
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Es gibt sie noch, die Abende, an denen man merkt, warum es die Vereine eigentlich gibt. Ein Freitag im Oktober, das Vereinsheim des Gesangvereins „Liederkranz“ irgendwo zwischen Sauerland und Rhön. Der Kaffee dampft auf dem Wagen, auf dem Tisch liegen Notenblätter, und irgendjemand erzählt zum dritten Mal die Geschichte von der Fahnenweihe 1987. Niemand beschwert sich. Genau das ist der Punkt.
Mehr als ein Termin im Kalender
Wir Deutsche haben ein seltsames Verhältnis zu unseren Vereinen: Wir nehmen sie als selbstverständlich hin wie die Müllabfuhr oder den Sonntagsgottesdienst. Erst wenn sie weg sind, merkt man, was sie getragen haben. Der Sportverein, der das Dorffest organisiert. Der Schützenverein, der bei der Feuerwehr hilft, wenn das Festzelt aufgebaut werden muss. Der Gesangverein, der auf der Beerdigung des alten Bürgermeisters singt, weil es sonst niemand täte.
Der Verein ist im Grunde eine Verabredung zur Verlässlichkeit. Jeden Dienstag, jeden Donnerstag – egal, ob es regnet, egal, ob man keine Lust hat. Klingt erst mal spießig? Ist es auch, ein bisschen. Aber genau in dieser Regelmäßigkeit steckt etwas Kostbares: Man kennt sich. Man weiß, wessen Tochter gerade Abitur macht, wer im Krankenhaus liegt, wessen Zaun im Sturm umgefallen ist.
Geschichten aus dem Vereinsheim
Hannelore, 68, ist seit 41 Jahren im Frauenchor ihres Ortsvereins. „Anfangs war ich nur dabei, weil meine Schwiegermutter mich mitgeschleppt hat“, lacht sie. „Heute sind die Damen hier meine zweite Familie. Als mein Mann gestorben ist, standen sie alle an seinem Grab – und danach in meiner Küche.“ Solche Sätze hört man in deutschen Vereinsheimen öfter, als man denkt. Sie fallen zwischen Notenblättern und Kaffeetassen, beiläufig, fast verlegen.
Oder nimm den Schützenverein am Rande einer Kleinstadt in Ostwestfalen. Der Vorsitzende, Mitte fünfzig, erzählt vom letzten Königsschießen: „Unser neuer Schützenkönig ist 24, Austauschstudent aus Syrien, seit zwei Jahren dabei. Der hat beim ersten Fest den Vogel von der Stange geholt – und die ganze Halle hat gejubelt.“ So sieht Integration übrigens aus: nicht per Dekret, sondern per Luftgewehr und Festzelt.
Wenn die Bänke leerer werden
Doch das Bild hat Schattenseiten. Viele Vereine kämpfen mit denselben Problemen: Mitglieder werden älter, Junge bleiben aus, Ämter bleiben unbesetzt. Der Kassierer sucht seit zwei Jahren einen Nachfolger. Die Jugendgruppe existiert nur noch auf dem Papier. Wer einmal versucht hat, für das Dorffest freiwillige Helfer zu mobilisieren, kennt die Litanei: „Ich hab ja eigentlich keine Zeit, aber wenn’s sein muss …“
Interessant ist: Es liegt selten am Desinteresse. Es liegt an der Form. Junge Leute wollen nicht vier Jahre im Vorstand sitzen und die Saturation auswendig lernen – aber sie kommen gerne, wenn man sie konkret fragt. „Kannst du am Samstag zwei Stunden Grillwurst wenden?“ funktioniert erstaunlich gut. „Wirst du Mitglied und übernimmst das Amt des Schriftführers?“ eben nicht.
Manche Vereine haben das verstanden und sich verändert: kürzere Feste, flexible Mitgliedschaften, Familienaktionen statt Jahreshauptversammlung mit dreistündigem Kassenbericht. Andere verharren stolz im alten Modus – und wundern sich, dass der Saal bei der Generalversammlung größer wirkt als sonst.
Was wir verlieren würden
Stellt man sich den Verein einfach weg, verschwindet nicht nur ein Angebot im Freizeitkalender. Es verschwindet der Ort, an dem Menschen üben, gemeinsam Verantwortung zu tragen. Im Verein lernt man Dinge, die kein Beruf und kein Internet beibringt: Wie man einen Streit ums Festbudget beigelegt. Wie man eine Beerdigungsrede hält. Wie man aushält, dass jemand anderes das Zepter schwingt – im Fall der Schützen fast wörtlich.
Der Verein ist gewissermaßen die Übungsgesellschaft fürs Gemeinwesen. Klein genug, um überschaubar zu sein; groß genug, um zu zählen. Wer dort mitmacht, übt Demokratie im Kleinen: Abstimmungen, Ämter, Kassenprüfung, Wahlkampf ums Amt des zweiten Vorsitzenden – alles da, nur eben mit mehr Kuchen.
Eine Einladung
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Der Verein braucht uns nicht als Retter, sondern als Gäste, die wiederkommen. Einmal im Monat hinsitzen, mitsingen, mithelfen, mitklatschen. Der Rest kommt von selbst – erst das Gespräch, dann die Verabredung, irgendwann der eigene Name auf der Helferliste.
Und falls Sie gerade überlegen, wann Sie das letzte Mal im Vereinsheim waren: Vielleicht ist es Zeit für einen Besuch. Der Kaffee ist sicher noch da. Und die Geschichte von der Fahnenweihe 1987 erzählt Ihnen garantiert auch noch mal jemand.
Welche Rolle spielt der Verein in Ihrem Leben? Erzählen Sie uns in den Kommentaren – wir sind gespannt auf Ihre Geschichten aus dem Vereinsheim.