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Zwischen Himbeerhecke und Schrebergartenordnung: Warum die Laube wieder cool ist

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Zwischen Himbeerhecke und Schrebergartenordnung: Warum die Laube wieder cool ist

Photo: pam fray , CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Wer zum ersten Mal durch eine Kleingartenkolonie läuft, merkt sofort: Hier gilt ein eigenes Zeitsystem. Es riecht nach Lavendel und Grillerkohle, irgendwo dudelt ein Radio, und über dem Weg hängt ein Schild mit einer Regel, an die sich alle halten, ohne dass jemand zugegen wäre. Die Schrebergartenkolonie ist vieles: Freilichtmuseum deutscher Ordnungsliebe, sozialer Mikrokosmos und – seit ein paar Jahren – überraschenderweise wieder angesagt.

Ein Garten für alle: die Erfindung des Daniel Gottlob Moritz Schreber

Alles begann mit einem Arzt aus Leipzig. Daniel Gottlob Moritz Schreber wollte im 19. Jahrhundert Spielplätze für Kinder der Stadt – aus seiner Idee entwickelte sich die „Schreberbewegung“, und bald bekamen Familien kleine Parzellen zum Gärtnern. Der Grundgedanke war sozial: Stadtbewohnern, denen Frische und Bewegung fehlte, ein Stück Grün in die Hand geben. Aus dem pädagogischen Projekt wurde das Kleingartenwesen, das bis heute Millionen Deutsche prägt – rund eine Million Parzellen gibt es bundesweit, Tendenz steigend.

Die Laube als Spiegel der Seele

Wer genau hinschaut, erkennt in einer Kolonie ganze Lebensläufe. Da die Parzelle mit dem akkurat geschnittenen Buchsbaum und dem Zwergapfelbaum in Spalierform – hier wohnt die Seele eines Ingenieurs. Daneben das wild wuchernde Naturparadies mit Insektenhotel und Brennnessel-Ecke. Weiter hinten die Laube mit Fliegenfänger im Fenster, Vorhang aus der 70er-Jahre-Kollektion und einer Tasse Kaffee, die seit 1997 denselben Platz auf dem Tisch hat.

Man könnte schmunzeln. Aber in dieser Vielfalt steckt auch etwas Rührendes: Der Schrebergarten ist oft der einzige Ort, an dem Menschen eine Miniatur ihrer Traumwelt bauen dürfen. Ohne Bauamt, ohne Innenausstatter, ohne Budgetdruck. Ein Häuschen, ein Beet, eine Bank mit Blick auf die Nachbarparzelle – mehr braucht es nicht für ein Stück gelebte Freiheit.

Die ungeschriebenen Gesetze

Zur Kolonie gehört eine eigene Kultur der Verständigung. Die Kleingartenordnung regelt zwar formal Vieles – von der Heckenhöhe bis zur Kompostpflege – aber die eigentlichen Gesetze sind ungeschrieben. Man grüßt. Man hilft. Man lobt die Tomaten der anderen, auch wenn sie schief sind. Und man diskutiert niemals, warum die Hecke des Nachbarn 30 Zentimeter über der erlaubten Höhe wächst – stattdessen wartet man, bis er selbst darauf zu sprechen kommt.

Die Nachbarschaftshilfe ist legendär: Wer im Urlaub ist, dessen Gewächshaus wird gelüftet, dessen Blumen werden gegossen. Wer krank ist, bekommt Suppe an die Laubentür. Wer einen neuen Grill braucht, erfährt im Gespräch am Zaun drei Empfehlungen und eine Warnung. In Zeiten, in denen man die Nachbarn in der Wohnung kaum kennt, funktioniert hier plötzlich wieder, was man „Gemeinschaft“ nennt.

Die Renaissance der Schaufel

Und nun das Überraschende: Der Durchschnittsgärtner in deutschen Kolonien wird jünger. Wo vor 20 Jahren das Durchschnittsalter bei über 60 lag, stehen heute vermehrt Dreißigjährige zwischen den Beeten – oft mit Kind, oft urban geprägt, oft mit einer klaren Vorstellung davon, was sie wollen: eigenes Gemüse, draußen sein, ein Ort ohne Bildschirm.

Die Pandemie hat das beschleunigt, aber sie ist nicht die einzige Erklärung. Es gibt ein wachsendes Bedürfnis nach Handfestem – nach Dingen, die man anfassen, pflegen und ernten kann. Nach einem Ort, an dem Zeit nicht in Meetings gemessen wird, sondern in Erntesäcken und Tomatensorten. Junge Gärtner bringen dazu neue Ideen mit: Hochbeete statt Rabatten, Insektennisthilfen statt Schädlingsgift, Instagram-Accounts statt Vereinszeitung. Die alten Hasen begegnen dem erst mit Skepsis – dann mit Neugier. Und irgendwann sitzen beide Generationen am selben Tisch und streiten darüber, ob man Himbeeren wirklich stutzen muss.

Ordnungsliebe, aber mit Herz

Natürlich bleibt die Kolonie ein Ort deutscher Tugenden. Hier wird nicht nur gegartnert, sondern auch gemessen, abgesteckt und protokolliert. Die Hecke hat eine Maximalhöhe, die Laube eine maximale Grundfläche, der Kompost einen empfohlenen Standort. Wer das für kleinlich hält, hat noch nie erlebt, wie viel Harmonie in einer gut gepflegten Grenze steckt. Ordnung ist hier kein Selbstzweck – sie ist die Voraussetzung dafür, dass 40 Parzellen friedlich nebeneinander existieren können. Ein kleines Modell fürs Zusammenleben überhaupt.

Ein Ausflug lohnt sich

Falls Sie also das nächste Mal an einer Kolonie vorbeifahren und der Duft von frischem Kaffee und nasser Erde durch das Tor weht: Machen Sie sich auf die Suche nach dem Tag der offenen Gartentür. Viele Kolonien laden im Sommer ein, man kann Häuschen besichtigen, Kuchen essen und Gespräche führen, die woanders selten stattfinden.

Und wer länger überlegt, ob nicht auch eine Parzelle für ihn drin wäre: Wartelisten gibt es viele, Geduld braucht man – aber die Aussicht auf eigenes Erdreich, eigene Tomaten und eine Hecke, die man nach eigenen Vorstellungen wachsen lässt, ist es wert.

Haben Sie eine Laube oder überlegen Sie es? Erzählen Sie uns in den Kommentaren von Ihren Erlebnissen zwischen Himbeerhecke und Gartenzwerg.

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